Wovon gehen wir aus?

Radikalisierung

Radi­ka­li­sie­rung ist ein eta­blier­ter Begriff „für Pro­zesse der Annä­he­rung an poli­tisch-welt­an­schau­li­che Strö­mun­gen, welche auf der indi­vi­du­el­len Ebene mit einer Aus­bil­dung bezie­hungs­weise Über­nahme pola­ri­sier­ter Ein­stel­lun­gen und/oder kon­fron­ta­ti­ver Hand­lungs­wei­sen ein­her­ge­hen“ (Her­ding u.a. 2015). „In gesell­schaft­li­chen Kon­flik­ten“, so Eckert (2012, 10), „bezeich­net Radi­ka­li­sie­rung einen Pro­zess, in dem die Abgren­zung zwi­schen Grup­pen zuneh­mend ver­schärft und mit feind­se­li­gen Gefüh­len auf­ge­la­den wird. Dieser Pro­zess ist zumeist ver­bun­den mit einer Beto­nung der sozia­len Iden­ti­tät, die durch die posi­tive Bewer­tung der Eigen­gruppe und die Ableh­nung einer ande­ren Gruppe ver­bun­den ist“. Ent­schei­dend ist dem­nach der Pro­zess der abschlie­ßen­den Grup­pen­bil­dung bzw. –iden­ti­fi­ka­tion und der damit ver­schränk­ten Abwer­tung von Fremd­grup­pen und Auf­wer­tung der Eigen­gruppe. Dieser kann sich bis zu – ideo­lo­gisch moti­vier­ten men­schen­feind­li­chen – ‚kon­fron­ta­ti­ven Hand­lun­gen‘ bzw. Gewalt­ta­ten stei­gern. Phä­no­mene reli­giös begrün­de­ter isla­mis­ti­scher und anti­mus­li­mi­scher ras­sis­ti­scher Radi­ka­li­sie­rung sind dabei wech­sel­sei­tig ver­schränkt und lassen sich nicht iso­liert von­ein­an­der ana­ly­sie­ren und bear­bei­ten.

Islamismus / Salafismus

Die im öffent­li­chen Dis­kurs mal als „Isla­mis­mus“, mal als „Sala­fis­mus“ gefasste Ideo­lo­gie lässt sich mit Blick „auf die zwar reli­giös begrün­de­ten, aber in ihrem Kern gesell­schafts­po­li­ti­schen Inhalte und die daraus abge­lei­te­ten Hand­lungs­auf­for­de­run­gen […] in die Riege der Ideo­lo­gien der Ungleich­wer­tig­keit“ ein­ord­nen (Dantschke 2017, 62). Kern der Ideo­lo­gie ist die Auf­wer­tung eines ima­gi­nier­ten Eigen­kol­lek­tivs und die Abwer­tung von Anders­gläu­bi­gen, von ver­schie­dens­ten eth­no­re­li­giö­sen Grup­pen, von Anders­den­ken­den oder etwa von (nicht norm­kon­for­men) Frauen. Mehr oder weni­ger isla­mi­sierte Ver­schwö­rungs­theo­rien und Anti­se­mi­tis­mus bieten zugleich die „Erklä­rung“ einer unüber­sicht­li­chen loka­len wie glo­ba­len Rea­li­tät – was auch für Ver­schwö­rungs­theo­rien etwa der „Isla­mi­sie­rung“ als Facet­ten mus­lim­feind­li­cher bzw. ras­sis­ti­scher Welt­an­schau­un­gen und Dis­kurse gilt.

Präventive Arbeit

Traut­mann u.a. ver­ste­hen „Prä­ven­tion (Inter­ven­tion) von (gegen) isla­mis­ti­sche Radi­ka­li­sie­rung“ vor diesem Hin­ter­grund „als (in)direkte Beein­flus­sung von Per­so­nen […], welche an ver­schie­de­nen Punk­ten des Sozia­li­sa­ti­ons­pro­zes­ses anset­zen kann und einer Tra­die­rung, Repro­duk­tion und Ver­dich­tung von isla­mis­tisch gepräg­ten Glau­bens- und Wert­vor­stel­lun­gen ent­ge­gen­wirkt oder diese ver­hin­dern will“ (Traut­mann u.a. 2017, 3). Prä­ven­tion in diesem Sinne setzt des­halb nicht erst bei dro­hen­den Gewalt­hand­lun­gen bzw. Gewalt­be­reit­schaft an; sie will viel­mehr „bereits demo­kra­tie- und frei­heits­feind­li­chen Posi­tio­nen oder dem Aus­üben von reli­giös oder poli­tisch moti­vier­tem sozia­len Druck vor­beu­gen“ (Nord­bruch 2015).

Ziel prä­ven­ti­ver Arbeit ist also einer­seits die Hin­ter­fra­gung und Dekon­struk­tion der von soge­nann­ten Isla­mis­ten (– wie im ana­lo­gen Falle der Rechts­ex­tre­mis­mus­prä­ven­tion der von Rechts­ex­tre­mis­ten –) ange­bo­te­nen Nar­ra­tive und ver­ein­fach­ten Ant­wor­ten. Auf sozia­ler bzw. psy­cho­so­zia­ler Ebene geht es zudem um Per­sön­lich­keits­stär­kung, die Aus­bil­dung von Medien-, Dialog-, Ambi­gui­täts-, Urteils-, Risiko- und Hand­lungs­kom­pe­ten­zen.

Situation in Sachsen-Anhalt

Die Sicher­heits­be­hör­den sehen in Sach­sen-Anhalt keine gefes­tig­ten Struk­tu­ren der sala­fis­ti­schen Szene (Minis­te­rium für Inne­res und Sport des Landes Sach­sen-Anhalt [MI] 2016, 107 u. MI 2018, 109), aus einem isla­mis­ti­schen Per­so­nen­po­ten­tial von ins­ge­samt etwa 200 Per­so­nen bringt es die sala­fis­ti­sche Szene im Bun­des­land laut Lan­des­ver­fas­sungs­schutz­be­hörde auf etwa 70 Per­so­nen (MI 2018, 109).
Schät­zun­gen des Landes gingen zuletzt von mehr als 20.000 Men­schen mit mus­li­mi­schem Hin­ter­grund, davon bis zu 4000 in Moschee­ge­mein­den akti­ven Gläu­bi­gen aus. Damit liegt der Anteil etwa der im öffent­li­chen Fokus ste­hen­den poli­ti­schen „Sala­fis­tIn­nen“ unter Mus­li­mIn­nen in Sach­sen-Anhalt bei ein bis zwei Pro­zent der akti­ven Gemein­de­mit­glie­der bzw. bei 0,2 bis 0,3 Pro­zent aller Men­schen mit mus­li­mi­schem Hin­ter­grund. Der Fokus prä­ven­ti­ver Arbeit liegt in Sach­sen-Anhalt dem­entspre­chend nicht zuerst auf ent­spre­chen­den isla­mis­ti­schen Strö­mun­gen — ähn­lich wie in der deut­schen Mehr­heits­ge­sell­schaft besteht vor allem ein hoher Bedarf an ziel­grup­pen­ori­en­tier­ten brei­ten­wirk­sa­men Ansät­zen der his­to­risch-poli­ti­schen Bil­dung und der Ras­sis­mus- sowie Anti­se­mi­tis­mus­prä­ven­tion. Eben­falls wird aus den Com­mu­nities die Not­wen­dig­keit von Mäd­chen- und Frau­en­ar­beit und Gender-Päd­ago­gik betont.

Men­schen mit mus­li­mi­schem Hin­ter­grund sind dabei nur etwa ein Pro­zent der Bevöl­ke­rung des Landes. Sie sehen sich in den letz­ten Jahren wie­der­holt ver­ba­len und kör­per­li­chen Angrif­fen sowie Dis­kri­mi­nie­rung und Mob­bing im Alltag aus­ge­setzt. Radi­ka­li­sie­rungs­ten­den­zen im Bereich Rechts­ex­tre­mis­mus brach­ten auch ver­stärkte anti­mus­li­mi­sche Agi­ta­tion mit sich.

Verweise

  • Dantschke, Clau­dia (2017): Attrak­ti­vi­tät, Anzie­hungs­kraft und Akteure des poli­ti­schen und mili­tan­ten Sala­fis­mus in Deutsch­land, in: Sala­fis­mus in Deutsch­land. Hg. v. Ahmet Toprak u. Gerrit Weit­zel, Wies­ba­den, 61–76.
  • Eckert, Roland (2012): Die Dyna­mik der Radi­ka­li­sie­rung. Über Kon­flikt­re­gu­lie­rung, Demo­kra­tie und die Logik der Gewalt, Wein­heim.
  • Her­ding, Maruta u.a. (2015): Junge Men­schen und gewalt­ori­en­tier­ter Isla­mis­mus – For­schungs­be­funde zu Hin­wen­dungs- und Radi­ka­li­sie­rungs­fak­to­ren, Online­ver­sion unter http://www.bpb.de/.
  • Minis­te­rium für Inne­res und Sport des Landes Sach­sen-Anhalt (2016): Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2015, Mag­de­burg.
  • Minis­te­rium für Inne­res und Sport des Landes Sach­sen-Anhalt (2018): Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2017, Mag­de­burg.
  • Nord­bruch, Götz (2015): Prä­ven­ti­ons­ar­beit: Alter­na­ti­ven zu sala­fis­ti­schen Ange­bo­ten auf­zei­gen, Online­ver­sion unter http://www.bpb.de/.
  • Traut­mann, Catrin u.a. (2017): Prä­ven­tion von isla­mis­ti­scher Radi­ka­li­sie­rung und Gewalt. Eine Sys­te­ma­ti­sie­rung von Prä­ven­ti­ons­an­sät­zen in Deutsch­land, in: forum kri­mi­nal­prä­ven­tion (1), 3–9.