Mus­li­mi­sches” Leben in Sach­sen-Anhalt?

Laut aktu­el­len Schät­zun­gen sind mehr als 20.000 Men­schen in Sach­sen-Anhalt mus­li­misch, d.h. sie iden­ti­fi­zie­ren sich auf die eine oder andere Art mit der isla­mi­schen Reli­gion.

Mehr­heit­lich sind sie in den ver­gan­ge­nen Jahren aus Län­dern wie Syrien, dem Irak, der Türkei, Afgha­ni­stan, Eri­trea oder dem Iran auf der Flucht vor Gewalt nach Sach­sen-Anhalt gekom­men, einige leben schon seit langer Zeit in Sach­sen-Anhalt, manche sind zum Islam kon­ver­tiert. Viele iden­ti­fi­zie­ren sich als Sun­ni­ten, andere als Schii­ten, einige als Ale­vi­ten. Ähn­lich wie im Chris­ten­tum oder im Juden­tum gibt es unter ihnen ver­schie­dene – auch kon­ser­va­tive oder libe­rale – Reli­gi­ons­ver­ständ­nisse, ver­schie­dene theo­lo­gi­sche Posi­tio­nen, ver­schie­dene tra­dierte oder indi­vi­du­ell gelebte reli­giöse Praxen, etwa was die Gebete oder das Fasten im Rama­dan angeht. Weni­ger als jeder Vierte besucht etwa mehr oder weni­ger regel­mä­ßig eine der Moscheen oder Gebets­räume in Sach­sen-Anhalt.

Rama­dan
Jetzt, im Monat Rama­dan, fasten viele sun­ni­ti­sche und schii­ti­sche Mus­li­min­nen und Mus­lime. Der Rama­dan ist ein Fas­ten­mo­nat, den man viel­leicht mit der 40-tägi­gen christ­li­chen Fas­ten­zeit vor Ostern ver­glei­chen kann und der in diesem Jahr am 16. Mai begon­nen hat. Er ist ein Monat der Ent­halt­sam­keit und Ent­schleu­ni­gung am Tage, und ein Monat der Fami­lie, der Gesel­lig­keit mit Freun­dIn­nen und Nach­ba­rIn­nen, des fest­li­chen gemein­sa­men Fas­ten­bre­chens – dem Iftar – am Abend bis in die Nacht. Dem­entspre­chend viel wird in diesen Tagen ein­ge­kauft, gekocht und geges­sen, wobei es Tra­di­tion ist, zu spen­den oder anders wohl­tä­tig zu wirken. Der reli­giö­sen Tra­di­tion nach fastet nicht, wer krank oder geschwächt ist, glei­ches gilt für Kinder, Rei­sende und Schwan­gere. Viele Mus­li­min­nen und Mus­lime gehen auch indi­vi­du­elle Fasten-Wege, ver­zich­ten etwa auf Süßig­kei­ten oder das Rau­chen und nutzen den Monat für gute Vor­sätze. Andere fasten gar nicht. Zum Ende des Monats Rama­dan, zum Eid al-Fitr, dem Fas­ten­bre­chen- bzw. Zucker-Fest, finden sich viele Mus­li­min­nen und Mus­lime zum gemein­sa­men Gebet vor Moscheen oder Gebets­räu­men zusam­men, auch in Sach­sen-Anhalt.

Mensch, nicht „Muslim“
Dass jemand Muslim ist, sagt wenig über ihn aus, viel­mehr kommt es wie bei christ­li­chen, jüdi­schen oder nicht reli­giö­sen Sach­sen-Anhal­ti­ne­rIn­nen darauf an, wo, wie und mit wel­chen – auch reli­giö­sen – Normen und Werten er auf­ge­wach­sen ist, was er stu­diert oder wel­chen Beruf er erlernt hat, was er in seiner Frei­zeit macht, welche poli­ti­schen Ein­stel­lun­gen und welche Lebens­ziele er hat oder welche Musik er gerne hört. Was all diese Ebenen angeht, sind Mus­li­min­nen und Mus­lime in Sach­sen-Anhalt so viel­fäl­tig und unter­schied­lich, wie die nicht reli­giöse Mehr­heit im Bun­des­land. So macht es auch keinen großen Sinn, einen Men­schen zuerst und vor allem als „Muslim“ zu klas­si­fi­zie­ren, so wie es nichts über die Mehr­heit der Men­schen aus­sagt, wenn man fest­stellt, dass sie nicht reli­giös oder in ande­ren Fällen jüdisch oder christ­lich sind. Über ihre Normen und Werte, ihre poli­ti­sche Ein­stel­lung, ihre Hobbys oder ihren Geschmack hat man mit dieser Fest­stel­lung schließ­lich nichts erfah­ren – über all die rele­van­ten Dinge also, die dar­über ent­schei­den, ob uns etwas mit einem Men­schen ver­bin­det, oder nicht.

Fremd­bil­der — Feind­bil­der
Diese Fest­stel­lung wird aller­dings von soge­nann­ten „Isla­mis­tis­tIn­nen“ und Rechts­ex­tre­mis­tIn­nen in Frage gestellt. Sie behaup­ten, dass uns nicht zuerst Werte, Ein­stel­lun­gen, Inter­es­sen, Arbeits­platz, Nach­bar­schaft oder Geschmack mit ande­ren Men­schen ver­bin­den, son­dern die glei­che eth­ni­sche Abstam­mung oder die for­male Zuge­hö­rig­keit zu einer Reli­gion. Sie erklä­ren die Mit­glie­der einer Ethnie oder Reli­gion pau­schal zu Freun­den, die einer ande­ren pau­schal zu Fein­den. Sie kennen keine Grau­töne, keine Viel­far­big­keit und keine Wider­sprü­che son­dern nur schwarz und weiß. Von ihnen und den von ihnen gepfleg­ten und in Teilen der deut­schen wie aus­län­di­schen Bevöl­ke­rung Sach­sen-Anhalts ver­brei­te­ten ras­sis­ti­schen oder anti­se­mi­ti­schen Feind­bil­dern, Res­sen­ti­ments und Ste­reo­ty­pen geht eine Gefahr für ein fried­li­ches Neben- und Mit­ein­an­der aus.

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